Kritisches Berichten, White-Saviorism und die aktuelle Rassismusdebatte – ein paar Gedanken zu großen Themen

Diesen Artikel schiebe ich jetzt schon lange vor mir her, aber heute will ich endlich ein paar Gedanken zu Themen teilen, die ich bisher noch nicht oder nur wenig beleuchtet habe.

Für heute habe ich mir die Themen „Kritische Berichterstattung im Freiwilligendienst“, „White-Saviorism“  und die aktuelle Rassimusdebatte vorgenommen. Ich werde die Themen überwiegend einzeln betrachten, aber natürlich hängen sie miteinander zusammen und ich hoffe, dass dies dennoch ersichtlich wird.

Vielleicht fragt Ihr Euch, warum ich diese Themen ansprechen möchte. Ich möchte auf diesem Blog keine Bildungsarbeit leisten, aber mein Anspruch ist durchaus, Euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen und Euch auf die Reise meines Freiwilligendienstes mitzunehmen. Dazu gehören nicht nur Urlaubsbilder oder Erfahrungsberichte aus meiner Einsatzstelle, sondern auch die Auseinandersetzung mit komplexen Themen, die mit dem „Volunteering“ einhergehen. Ich weiß, dass Einige von Euch meinen Aufenthalt in Uganda kritisch sehen und das ist gut so, denn ein Freiwilligendienst ist nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“. Es gibt vielerlei berechtigte Kritik, die ich zugegebenermaßen teilweise erst jetzt verstehe. Gleichzeitig besteht das Gewinnbringende eines solchen Dienstes für das Heimatland der Freiwilligen darin, dass wir Freiwilligen unsere Lernerfahrungen teilen. Dies möchte ich heute anhand von drei ausgewählten Themen tun.

Wie auch sonst gilt hier im Besonderen die Anmerkung, dass dies kein wissenschaftlicher Text ist, sondern ein subjektives Abbild meiner Gedanken und ein Versuch, Euch mein Verständnis der genannten Themen zu erläutern.

Kritische Berichterstattung im Freiwilligendienst

Als Freiwilligendienstleistende in einem Land des globalen Südens habe ich eine große Verantwortung. Durch meine Berichte über Uganda habe ich Euch meist in einer Monopolstellung ein Land vorgestellt, welches Ihr i.d.R. vorher nicht kanntet und damit die Verantwortung getragen, Euch dieses Land so gut es geht in allen Facetten vorzustellen. Natürlich habe ich immer versucht, Euch so gut es geht auf meine Reise mitzunehmen, aber es muss allen klar sein, dass meine Berichterstattung immer aus meiner kulturellen Brille heraus erfolgt. Wenn ich bestimmte Dinge als „anders“ oder „schlimm“ empfinde, tue ich das aus meiner kulturellen Sozialisation heraus. Viele Ugander*innen empfinden z.B. eine Dusche mit kaltem Wasser als nicht besonders berichtenswert, weil sie damit kein Problem haben. Ich hingegen empfand das Duschen mit kaltem Wasser als äußerst unangenehm und habe oftmals davon berichtet. Da mein Freiwilligendienst in Uganda, einem Land des globalen Südens, aber immer auch ein Politikum ist, war dieses Berichten über die kalten Duschen nicht nur ein reines Aufzeigen von Unterschieden. Wenn ich in Frankreich ein FSJ gemacht hätte und mich beschwert hätte, dass es jeden Tag Croissants zum Frühstück gibt, hätte dies ggf. zur Festigung eines bekannten Klischees geführt, es hätte aber keine Wertung stattgefunden. Denn Frankreich sehen wir als „entwickeltes Land“ an und daher ist die Wertung des Essens rein subjektiv und nicht allgemeingültig. Der Bericht über die kalte Dusche impliziert allerdings durchaus eine Wertung, denn Uganda ist in unseren Augen kein „entwickeltes Land“ und die kalte Dusche ein Beweis dafür. Viele Ugander*innen sehen die kalte Dusche nicht als Problem und würden daher auch nicht darüber berichten. Für mich ist sie aber ein Problem, daher berichte ich darüber. Durch die gefestigte Sicht auf afrikanische Länder als „arme Länder“ interpretieren wir den Bericht so, dass die kalten Duschen kalt sind, weil die Leute sich kein warmes Wasser leisten können bzw. die entsprechende Infrastruktur fehlt. Dies stimmt natürlich in Teilen, allerdings verfestigt dieser Bericht ein Denken in unausgewogenen und ungerechten globalen Machtstrukturen. Hier kommt die kritische Berichterstattung ins Spiel, und zwar sowohl von Seiten der Verfasserin als auch von Seiten der Leser*innen. Wenn ich als Verfasserin immer wieder kritisch auf meine Berichte schaue, kann ich im Beispiel mit den Duschen erkennen, dass der Bericht darüber sehr subjektiv ist. Es handelt sich hierbei nicht um ein allgemeines Problem, sondern um ein individuelles und dies kann ich in meinem Bericht deutlich machen. Als Leser*in sollte ich Berichte, insb. über mir unbekannte Länder des globalen Südens, ebenfalls kritisch lesen und hinterfragen, wie viel von den Gedanken in meinem Kopf wirklich im Text standen und wie viel ich ggf. selbst interpretiert und geurteilt habe und auf welcher Basis ich dies getan habe. Das Beispiel mit den kalten Duschen ist nur eine Situation von vielen, in denen die kritische Berichterstattung wichtig ist. Es gibt wie immer noch eine Vielzahl weiterer Situationen, aber für den Moment soll diese exemplarische Ausführung als Denkanstoß reichen.

Das kritische Berichten ist mir sehr wichtig, da dies einen entscheidenden Einfluss darauf hat, was die Freiwilligen selbst und die zugehörige Community aus dem Freiwilligendienst mitnehmen. Leider passiert es immer noch oft, dass Freiwillige die Idee haben, „für ein Jahr im armen Afrika zu helfen“ (siehe white-saviorism). Mit dieser Idee werden oftmals Bilder und Texte in die Welt entlassen, die eigentlich den immer selben Inhalt haben. Nämlich wie toll die Erfahrung war, wie schlimm die Armut und wie wissbegierig aber hilf- und chancenlos die kleinen süßen Kinder. Diese Berichte sind auf Dauer nicht nur langweilig, sondern gefährlich. Denn sie sind Nährboden für die Ausbeutung, den Rassismus und die Armut in Afrika. Viele Menschen auf dem riesigen Kontinent Afrika sind nicht arm, weil das ein Naturgesetz ist, sondern weil sich die Machtverhältnisse seit der Zeit des Kolonialismus nicht entscheidend geändert haben. Die meisten afrikanischen Länder haben extrem viele Rohstoffe und oftmals sehr fruchtbare Böden, trotzdem sind die meisten Menschen arm. Bis heute bereichert sich der globale Norden am globalen Süden, u.a. durch Rohstoffraub/Ankauf von Land, Freihandelsabkommen oder einfach gesagt Ausnutzung. Ein erster Schritt, um dies zu ändern, ist in meinen Augen ein Bewusstsein für die globalen Machtstrukturen und deren Historie in der breiten Gesellschaft zu schaffen und unser Denken umzustellen. Wir „Weißen“ sind die Privilegierten, daher haben wir die Kraft, etwas zu ändern, aber wir müssen ganz sicher nicht helfen, ohne gefragt zu werden. Denn wir machen oftmals Probleme aus Dingen, die gar keine Probleme sind und schenken unserem Lebensstil Absolutheitsanspruch. Dies passiert leider auch sehr oft beim „Volunteering“ und schadet dabei nicht nur den lokalen Communities sehr, sondern erhält durch unkritische Berichte das Denken in den historisch geprägten Machtverhältnissen in der weißen Welt aufrecht.

Durch den Anspruch der kritischen Berichterstattung sind Freiwillige und ihre Community immer wieder dazu angehalten, das Geschriebene/Gelesene kritisch zu hinterfragen und damit auch die gelernten Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen. Durch den Anspruch der kritischen Berichterstattung wird ggf. das Verständnis entwickelt, dass es bei einem Freiwilligendienst nicht um Hilfe geht, sondern um Lernen. Zudem sind alle Beteiligten immer wieder gefordert, ihre eigenen Privilegien zu erkennen und kritisch zu deuten. Dies kann ein großer Schritt sein, um globale Zusammenhänge zu verstehen.

Es gibt noch so viel mehr zur kritischen Berichterstattung zu sagen, aber an dieser Stelle werde ich zum Thema „White-Saviorism“ übergehen, was ja schon mehrfach angerissen wurde.

White-Saviorism – junge unausgebildete Freiwillige als weiße Samariter in Afrika

– „Dir sind die armen Kinder in Afrika nicht egal und Du möchtest helfen? – Mach einen Freiwilligendienst in unserem Kinderheim in Ghana“

– „Abi in der Tasche und dann erstmal weg. Warum nicht mit etwas Wohltätigem verknüpfen? Hilf Kindern in Afrika und erlebe Dein persönliches Abenteuer.“

– „Du willst Urlaub am Strand, den Schildkröten helfen und etwas erleben, aber hast nicht viel Zeit? Warum machst Du nicht alles auf einmal in Deinem Freiwilligenurlaub?!“

Dies waren nur einige einer Vielzahl von mutmaßlichen Werbesprüchen für Freiwilligendienste. Zum Glück gibt es genauso viele Gegenbeispiele und in meiner Wahrnehmung versuchen die meisten Organisationen und Vereine, die Freiwilligendienste anbieten, diesem Bild des weißen Samariters entgegenzuwirken. Dennoch gibt es diese Werbung und leider ist das Bild, was hier von mir überspitzt dargestellt wurde, jenes, was in unseren Köpfen oftmals tief verankert ist. Es geht um den sogenannten „White-Savior-Complex“.

[Ein kurzer Disclaimer: Viele von Euch kennen den Begriff „Voluntourism“ eine Form des Tourismus, der mit „Freiwilligenarbeit“ kombiniert wird. Ich möchte diese Art des Kurzzeitfreiwilligendienstes klar vom weltwärts Programm oder anderen geförderten Langzeitfreiwilligendiensten abgrenzen. Ich denke es ist klar, dass man in drei Wochen Thailandurlaub, in dem man täglich 2 Stunden Englischunterricht in einem Waisenhaus gegeben hat, nicht ernsthaft von einem Freiwilligendienst sprechen kann. Über diese Art von „Freiwilligendienst“ oder eben „Voluntourism“ könnte ich ein ganz neues Fass aufmachen, dies führt aber an dieser Stelle zu weit. Ich will dennoch klarstellen, dass die obigen Werbesprüche in der Regel von kommerziellen Anbietern solcher Kurzzeitfreiwilligendienste geschaltet werden. Die allermeisten Organisationen und Vereine, die weltwärts anbieten, sind daran interessiert, Machtstrukturen zu entlarven und sie nicht zu unterstützen und würden nicht mit solchen Sprüchen werben. Dennoch wollte ich diese Zitate zum Einstieg bringen, denn sie zeigen ja scheinbar Wirkung und führen dazu, dass junge Menschen tausende Euros bezahlen, um drei Wochen im Urlaub „etwas Gutes zu tun.“]

Ein „White Savior“ (übersetzt: weiße*r Retter*in) ist laut Definition eine Weiße Person, die nicht-weißen Menschen ungefragt auf scheinbar altruistische Weise hilft. Ich habe ungefragt hervorgehoben, weil dies ein wichtiger Aspekt ist. Eine funktionierende Gemeinschaft basiert zu großen Teilen auf Hilfe und Helfen ist nicht allgemein schlecht, allerdings ist die Hilfe im globalen Süden oftmals ungefragt und unterstützt daher die historisch gewachsenen Machtverhältnisse.

Der „White-Savior-Complex“ wird oftmals im Kontext von Freiwilligendiensten genannt und ist ein Hauptkritikpunkt der Dienste. Die Kritik ist in meinen Augen sehr berechtigt, denn oftmals haben Freiwillige die Idee, nach Afrika zu gehen und dort Tätigkeiten auszuüben, die sie in Deutschland mangels Ausbildung nicht ausüben würden. Das klassische und vermutlich eindrücklichste Beispiel ist das Krankenhaus. Es gibt leider Einsatzstellen in Krankenhäusern, in denen junge unausgebildete Weiße, meist Abiturient*innen, in einem Krankenhaus arbeiten und dort Tätigkeiten ausüben, die ihre Kompetenzen weit überschreiten. Auch die Idee, in eine Schule zu gehen und dort Englisch oder Mathe zu unterrichten, ohne jegliche Erfahrung im Unterrichten zu haben und mitten im Schuljahr zu kommen/zu gehen, gehört zum White-Saviorism. Es gibt eine tolle ugandische NGO, die unter anderem auf Instagram unter dem Namen „no white saviors“ sehr aktiv ist. Ugandische Aktivist*innen leisten tolle Bildungsarbeit, klären auf und zeigen, dass „Helfen“ eine gute Intension ist, aber die geleistete Hilfe in Uganda und anderen Ländern des globalen Südens oft großen Schaden anrichtet. Erst vor einigen Tagen haben sie einen Fall aufgedeckt, bei dem eine junge Frau, ohne Vorkenntnisse im medizinischen Bereich, ein Krankenhaus in Uganda eröffnet hat. Die Begründung war, dass es sonst gar kein Krankenhaus gäbe, also hat sie „aufopfernd“ ein solches gegründet. Es seien in diesem „Krankenhaus“ 105 Kinder gestorben, aber das viel Erschreckendere ist m.E. nach, dass man in Deutschland vermutlich nie auf die Idee kommen würde, unausgebildet ein Dorfkrankenhaus zu gründen, weil das nächste echte Krankenhaus weit entfernt ist. In Afrika ist das aber irgendwie okay, denn „irgendeiner müsse ja helfen“. Dabei gibt es so viele Ugander*innen, die gern Arzt oder Ärztin werden wollen. Eine gute Freundin von mir zum Beispiel hat regelmäßig das beste Zeugnis ihres Jahrgangs und lernt sehr viel, weil sie hofft, ein Stipendium zu bekommen, um Medizin studieren zu können. Ohne dieses wird sie ihren Traum des Medizinstudiums nie verwirklichen können. Altruistisches Helfen würde z.B. bedeuten, sie in ihrem Wunsch zu unterstützen, damit sie als ugandische Ärztin ein Krankenhaus in Uganda gründen kann, statt als „White-Savior“ aktiv zu werden.

Beim Thema „White-Savior-Complex“ geht es also einmal darum zu verstehen, dass ein Freiwilligendienst in Afrika keine Heldentat ist und es nicht um Hilfe geht. Andererseits zeigt das Phänomen aber auch sehr gut, wie stark unser Denken immer noch in den historisch gewachsenen Machtverhältnissen feststeckt. Die Idee, in Afrika zu „helfen“, ist also nicht nur falsch, sondern unterstützt sogar das System der Ausbeutung. Ich bin sehr privilegiert, dass ich einen Freiwilligendienst machen konnte – die meisten meiner ugandischen Freund*innen werden dazu andersherum nie die Möglichkeit haben. Es gibt zwar mittlerweile die Süd-Nord-weltwärts-Dienste, allerdings weitaus weniger als andersherum. In meinem Fall werden pro Jahr 2 Deutsche in die IMLS nach Uganda geschickt, aber kein*e Ugander*in darf nach Deutschland. Auch dies ein sehr gewichtiger Kritikpunkt an Freiwilligendiensten, der ebenfalls eine postkolonialistische Haltung stützt und sich in meinen Augen schnellstmöglich ändern muss!

Zum „White-Savior-Complex“ gehören allerdings noch sehr viel mehr Themen. Es geht auch um internationale Adoptionen, es geht darum, dass Filme und Bücher über Afrika meist vom „White Savior“ handeln und das auch die internationale Entwicklungs“zusammenarbeit“ in großen Teilen aus „Geben ohne Zuhören“ besteht.

Ich habe die NGO „No White Saviors“ oben bereits angesprochen. Ich finde die Arbeit dieser ugandischen NGO äußerst unterstützenswert und würde mich freuen, wenn Ihr auf Ihrer Homepage vorbeischaut: https://nowhitesaviors.org/ Für alle, die Instagram haben, kommt hier der Instalink, denn dies ist das Hauptmedium der NGO: https://www.instagram.com/nowhitesaviors/?hl=de

Außerdem kann ich einen sehr interessanten Artikel zum Thema empfehlen: https://www.arte.tv/de/articles/white-saviorism-wenn-hilfe-nicht-hilfreich-ist

Noch ein paar Worte zur aktuellen Rassismusdebatte

Ich habe lange überlegt, ob ich mich auch noch zu diesem Thema äußern soll, aber habe mich nun dazu entschlossen, zumindest ein paar meiner Gedanken zu teilen.

In Uganda habe ich mich schnell als „Muzungu“ (Weiße) identifiziert, denn so gut wie jeden Tag wurde mir gezeigt, dass ich Weiß bin und damit anders bin. Anfangs war das okay, doch nach einiger Zeit habe ich mich sehr darüber geärgert, denn ich wollte nicht mehr anders sein. Ich war ja keine klassische Touristin und wollte endlich nicht mehr als solche gesehen werden. Ich wollte keine höheren Preise auf dem Markt bezahlen, nicht rund um die Uhr angestarrt werden, nicht von Männern aufgrund meiner Hautfarbe begehrt werden, nicht als besonders schlau, besonders reich, besonders hübsch, allgemein nicht als besonders gesehen werden. Wiederrum einige Zeit später gewöhnte ich mich ein wenig daran. Ich regte mich nicht mehr so auf, diskutierte nicht mehr darüber, sondern akzeptierte. Dennoch blieb die tägliche Anstrengung, der tägliche Kampf und einfach das Leben mit dem Bewusstsein immer anders zu sein. Ich sprach viel mit anderen Weißen, die in Uganda leben und auch sie berichteten, dass dies für immer so sein würde und die „Muzungu“-Nachrufe auch nach 5, 20 oder sogar 30 Jahren im Land nicht weniger werden würden. Ich empfand das Gefühl des Andersseins (heute würde ich sagen Weißseins) als unglaublich beklemmend und konnte mir vor allem auch dadurch nicht vorstellen, dauerhaft in Uganda zu leben. Unter weißen Freiwilligen war das „Muzungu“-Sein ein großes Thema und generell genoss ich es, von Weißen umgeben zu sein. Ich verstand nicht genau, warum ich diese Weiße Community vor Ort so schätze, doch dort fühlte ich mich verstanden.

Heute schaue ich beschämt auf meine damaligen Aussagen, die so unreflektiert und vor allem privilegiert weiß waren. Kurz nach der vorzeitigen Rückkehr aus Uganda fing ich an, mich mit strukturellem Rassismus in Deutschland zu beschäftigen und verstand, dass diese Erfahrungen, die ich in Uganda machte, die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen und Menschen of Color in Deutschland sind, nur das meine Erfahrungen temporär und mit positivem Hintergedanken waren. Die Zuschreibungen, die ich erhielt, waren in der Regel positiv. Natürlich ist auch dies unangenehm und auf Dauer lästig, allerdings macht es einen bedeutenden Unterschied, ob man aufgrund seiner Hautfarbe als besonders qualifiziert und reich angesehen wird oder als arm und ungebildet. Daher ist es ganz wichtig, die Diskriminierungserfahrungen, die Weiße Menschen machen, von Rassismuserfahrungen abzugrenzen. Es gibt nach der Definition der meisten Schwarzen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen keinen Reverse-Rassismus, denn Rassismus ist eine Form der strukturellen Diskriminierung, die auf dem historischen Kontext und den immer noch aktuellen globalen Machtverhältnissen beruht. Damit kann sie keinen Weißen widerfahren. Dies musste ich leider erst lernen, denn ich hätte zwar bei meinen Erfahrungen nicht von Rassismuserfahrungen geredet (ein bisschen was wusste ich ja doch schon vorher), aber sie vermutlich innerlich doch irgendwie so verstanden. Dieser Lernprozess hat mir verdeutlicht, wie wenig ich bisher zugehört habe, wie wenig ich meine Privilegien wahrgenommen habe und wie sehr ich meiner Welt und Wahrnehmung Absolutheitsanspruch zugeschrieben habe.

Es mir mittlerweile unangenehm das zu sagen, aber ich dachte tatsächlich, dass meine Erfahrungen in Uganda genauso bis schlimmer sein als jene Alltagserfahrungen, die Schwarze und Menschen of Color in Deutschland machen, abgesehen natürlich von offenem Rassismus. Ich habe daran auch nicht gezweifelt, denn es ruft in Deutschland ja (immer abgesehen von Nazis und offenem Rassismus, den es natürlich leider in Deutschland gibt) niemand einer Schwarzen Person „Schwarzer“ zu und winkt. Ich glaubte leider auch, dass den meisten Menschen in Deutschland die Hautfarbe egal sei. Damit habe ich vermutlich auch gar nicht so unrecht, aber dass das genau das Problem ist, verstand ich nicht. Ich verstand nicht, dass die Welt, so wie ich sie wahrnehme, ganz deutlich mit meiner Hautfarbe (und einer Reihe weiterer Privilegien) einhergeht. Ich verstand nicht, dass nicht ich entscheide, wann und was rassistisch ist, sondern jene Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Ich verstand nicht, dass nicht ich entscheiden sollte, ob ich nun Schwarz oder dunkelhäutig sage, sondern zuhören sollte und den Begriff übernehmen sollte, mit dem sich Schwarze Menschen selbst bezeichnen (nämlich Schwarz (großgeschrieben als Gruppenzuweisung)).

Zuhören, das ist vermutlich die Quintessenz meines Lernprozesses. Das hört sich so einfach und unbedeutend an und könnte doch so viel verändern.

Durch meinen Ugandaaufenthalt habe ich meine eigene Hautfarbe das erste Mal wahrgenommen. Ich habe mich das erste Mal der Gruppe der Weißen zugehörig gefühlt und später dann verstanden, dass wir in Deutschland diese Gruppe für Schwarze haben. Wir sagen vielleicht, dass wir keine Hautfarben sehen oder sie keinen Unterschied machen, doch dies hat ganz viel damit zu tun, dass wir Weißen uns in der Mehrheit befinden und keinen Grund haben, uns unserer Hautfarbe bewusst zu werden. „White Privilege“ heißt nicht, dass ich als weiße Person keine Diskriminierung erfahren habe. Es heißt stattdessen, dass ich keine Diskriminierung aufgrund meiner Hautfarbe erfahren habe und ich mich auch nie fragen muss, ob etwas bestimmtes passiert oder eben nicht passiert ist, weil ich Weiß bin. Ein Bewusstsein für dieses Privileg zu haben, ist in meinen Augen sehr wichtig. Durch Uganda habe ich verstanden, wie unglaublich kräftezehrend das Anderssein sein kann. Ich habe verstanden, dass die kleinen Situationen im Einzelnen zwar nicht so schlimm sind, in der Summe aber schon. Leider erst einige Zeit später konnte ich diese Erfahrungen auf Deutschland übertragen und finde die Aussage, nicht in Uganda leben zu wollen, heute sehr beklemmend. Denn ich habe das Privileg, nicht in Uganda geboren zu sein und wählen zu können, ob ich dort leben möchte oder nicht. Außerdem habe ich ein Heimatland, mit dem ich mich identifizieren kann, in dem ich nicht als fremd angesehen werde, sondern in der Mehrheit bin. Ich muss mir keinen Raum suchen, in dem ich unter Menschen bin, die mich verstehen, denn meine Wahrnehmung entspricht jener, die die meisten Menschen in Deutschland haben und der wir, leider, Absolutheitsanspruch zuschreiben.

Eigentlich wollte ich diesen Lernprozess nur kurz beschreiben, jetzt ist es doch wieder mehr geworden als erwartet, deshalb werde ich an diesem Punkt stoppen und Euch Literatur empfehlen. Die folgende Liste beinhaltet Bücher, die sich teils sehr sachlich, teils exemplarisch, teils auch fiktiv mit strukturellem Rassismus beschäftigen:

  • Alice Hasters, Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten [über strukturellen Rassismus und die eigenen Erfahrungen der Autorin als Schwarze Frau, auch als Hörbuch auf Spotify verfügbar]
  • Tupoka Ogette, Exit Racism [über strukturellen Rassismus in Deutschland, auch als Hörbuch auf Spotify verfügbar]
  • Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiß [über strukturellen Rassismus in Deutschland]
  • Chimamanda N. Adichie, Americanah [Roman, über Rassismus in den USA aus der Perspektive einer nigerianischen Frau, die in Nigeria aufwuchs und später in die USA zog]
  • Kübra Gümüsay, Sprache und Sein [u.a. über antimuslimischen Rassismus, insgesamt aber über den Zusammenhang von Sprache und Wirklichkeit, sehr empfehlenswert]

Dies ist nur ein kleiner Auszug aus den in meinen Augen momentan bekanntesten Büchern über Rassismus, die ich Euch alle nur sehr empfehlen kann. Vor allem die ersten drei Bücher sind thematisch relativ ähnlich und es gibt Wiederholungen, die andern beiden zeigen nochmal andere Perspektiven auf das Thema. Alle Autorinnen sind auch auf Social Media aktiv und es gibt noch viele weitere Seiten, insbesondere auf Instagram, um sich zu informieren und zu bilden.

Abschließende Worte

Dieser Blogeintrag war ein Beitrag der anderen Art. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn veröffentlichen soll, denn ich gehöre definitiv zu den Lernenden. Ich habe vieles noch nicht verstanden und befinde mich erst am Anfang eines langen Bildungsweges. Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, den Beitrag zu veröffentlichen. Denn ein großer Teil dieses Lernprozesses wurde bei mir durch meinen Freiwilligendienst angestoßen und es gehört zu meiner Reise, wie auch die anderen Berichte von meiner Einsatzstelle, der Arbeit oder der Gastfamilie. Ich erhebe natürlichen keinen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Richtigkeit, ich will lediglich meine Gedanken teilen und ggf. Denkanstöße geben. Bei Fragen und Anmerkungen könnt Ihr mir natürlich wie immer gerne schreiben.

Alles Liebe und bis zum nächsten Mal

Julia

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