Zwischen Freude, Abschied und Ungewissheit – Mein März in Uganda

Der März war ein Monat, in dem alles anders verlief als geplant. Das ging wahrscheinlich den meisten von Euch so und dennoch kann ich immer noch nicht ganz glauben, dass vor einem Monat noch alles „ganz normal“ erschien, ich Pläne für meine weitere Zeit in Uganda schmiedete, Chorstücke fürs Osterkonzert heraussuchte, mich auf den Besuch meiner Eltern und mein weltwärts-Seminar freute und nun plötzlich in meinem Zimmer in Deutschland sitze und wohl vorerst den letzten Monatsbericht über meine Erlebnisse in Uganda verfasse.

Die größte und liebste Gastfamilie der Welt ❤

Dennoch soll dieser Bericht wie immer ein bisschen Ordnung behalten, daher alles der Reihe nach:

Über Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem und warum eine Malariaerkrankung nicht tödlich sein muss…

Am 29. Februar habe ich meinen letzten Monatseintrag verfasst. Dieser endete mit einem Ausblick in den März mit folgenden Worten:

„Auf den März freue ich mich schon lange, denn es werden einige coole Dinge passieren.
Zunächst wollen wir nächste Woche nochmal nach Kampala fahren, worauf ich mich schon freue. Dann geht es für Amra (die andere weltwärts Freiwillige) und mich in die Nähe von Kabale, an den Lake Bunyuni. Dort werden wir unser Zwischenseminar haben […], freue ich mich schon riesig drauf.
Wenige Tage nach dem Seminar kommen dann meine Eltern zu Besuch […]. Ich freue mich schon sehr, Ihnen alles hier zeigen zu können. Wie das dann alles so war, erfahrt ihr im nächsten Eintrag.“

Ich freute mich zu diesem Zeitpunkt wirklich sehr auf den März. Er war vollgepackt mit Terminen, aber keineswegs unangenehmen Terminen, sondern Dingen, auf die ich mich teils schon seit Wochen freute. Zunächst begann der Monat allerdings etwas unerfreulich, denn ich war einige Tage krank. Diesmal war es tatsächlich die berüchtigte Malaria, aber es fühlte sich eigentlich wie ein gewöhnlicher grippaler Infekt an. Am ersten Tag ging es mir tatsächlich nicht so gut. Ich hatte Fieberschübe mit teils hohem Fieber, Schüttelfrost, Durchfall und Übelkeit, aber all diese Symptome hielten eigentlich nur diesen ersten Tag an. Als sich die Symptome bis zum Abend nicht besserten, fuhren mein Gastvater und ich noch spät in der Nacht zum Arzt und machten einen Malariatest. Ich bekam daraufhin eine Infusion mit der ersten Dosis der Medikation gegen die Malariaerkrankung, die scheinbar schnell und gut wirkte, denn es ging mir schon kurze Zeit später deutlich besser und auch die nächsten Tage ging es stetig bergauf. Tatsächlich ist die Malariaerkrankung gar nicht so schlimm, wie man aus deutscher Perspektive oftmals denkt und sicherlich nicht tödlich, außer man kann sich die Medikamente zur Therapie nicht leisten.

Diese Ungerechtigkeit im Gesundheitssystem in Uganda aber natürlich auch weltweit ist vermutlich das, was mir aus dieser Erkrankung am meisten im Gedächtnis geblieben ist. Denn es kommt nicht von ungefähr, dass Deutsche oder im Allgemeinen Weiße große Angst vor Malaria haben und denken, dass man bei einem Stich durch eine infizierte Mücke stirbt. Tatsächlich kann die Malaria tropica, wie sie in Uganda zu finden ist, tödlich verlaufen und es ist wichtig, schnell mit der Therapie zu beginnen, denn dann nimmt die Krankheit wie auch in meinem Fall einen sehr milden Verlauf. Leider können sich aber viele die 75 Cent zum Testen der Malaria sowie die Medikation dagegen (ca. 10 Euro) nicht leisten und sterben dann an dieser Krankheit. Natürlich war mir das schon lange bevor ich selbst die Krankheit hatte klar, doch als ich dort im Arztzimmer saß und der Doktor erklärte, dass es gut war, so schnell einen Test zu machen, sodass sich die Plasmodien der Malaria nicht zu stark vermehren konnten, wurde mir die genannte Ungerechtigkeit umso bewusster. Später erzählte mir meine Gastmutter in einem anderen Kontext, dass verglichen zu europäischen Ländern viele Menschen in Uganda unter Epilepsie leiden würden. Dies seien Folgeschäden einer Malariaerkrankung im Kindesalter, die nicht rechtzeitig behandelt wurde, sodass sie bis ins Gehirn wandern konnte und dort gravierende Schäden anrichtete. Tatsächlich käme es immer wieder vor, dass vor allem Kinder nicht ausreichend auf die Malaria getestet würden, vermutlich weil Kinder oft Krankheiten mit Fieber haben und es sich bei diesen oftmals nicht um Malaria handelt. Wenn man sich dann aber bewusst macht, dass ein Test zwischen 50 Cent und einem Euro kostet und in Deutschland niemand darüber diskutieren würde, ob solch ein Test auch nur bei einem geringen Verdacht sinnvoll ist, dann kann man gar nicht anders als fassungslos über die Unterschiede und Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu sein. Es gibt zwar auch einige staatliche Krankenhäuser in Uganda, die für die Patienten bei Bedarf kostenlos sind und auch in der Qualität sehr gut sind, allerdings sind diese oft restlos überfüllt, sodass man als „nicht-Akutnotfallpatient“ ohne Bestechungsgeld dort nicht weit kommt und teilweise tagelang auf eine Behandlung warten muss. Sicherlich unterscheidet sich die Situation von Krankenhaus zu Krankenhaus und (das gilt wie immer für alles, was ich hier schreibe) natürlich schreibe ich das hier aus meiner Sicht auf die Dinge, so wie ich sie erlebt habe, dennoch stimmt es sicherlich, dass Menschen auch heute noch an Malaria sterben, die mit dem nötigen Geld nicht an dieser Krankheit hätten sterben müssen. Gleichzeitig wird natürlich auch viel getan und der Fakt, dass es überhaupt die Möglichkeit der kostenfreien medizinischen Behandlung gibt, ist ein großer Erfolg, den man nicht aus den Augen lassen sollte.

Insgesamt war es mir zwar wichtig, dass ich Euch von meinen Gedanken rund um meine Malariaerkrankung berichte und ich finde auch weiterhin, dass es wirklich schlimm ist, dass Menschen an dieser Krankheit sterben müssen und sich die Sterberate am Einkommen misst, aber gleichzeitig merke ich, wie ich hier und teilweise auch in den letzten Einträgen immer wieder eine Form des Berichtens anwende, die in die Arme des Postkolonialismus spielt. Und wieder befinde ich mich in diesem Konflikt, dass ich einerseits natürlich verantwortungsvoll berichten möchte und eine große Verantwortung habe, in dem ich vielen von Euch in einer Monopolstellung einen Eindruck von einem Euch bisher unbekannten Land vermittle und gleichzeitig will ich aber natürlich auch ein ehrliches Bild meiner Erfahrungen aufzeigen und Probleme, die zwar ein Bild der Hegemonie des globalen Nordens verstärken, aber nun mal existieren, nicht einfach unter den Tisch kehren. Da die Themen Postkolonialismus und „verantwortungsvolles Berichten“ in Bezug auf meinen Freiwilligendienst immer wieder auftauchten und ich unabhängig von meiner Situation als Freiwillige diese Themen sehr wichtig finde, werde ich mich in einem anderen Blogeintrag gesondert damit beschäftigen. Falls Ihr also dazu gesonderte Fragen habt, die vielleicht auch beim Lesen meines Blogs aufkamen, könnt Ihr mir diese natürlich wie immer stellen und ich werde versuchen, alles so gut es geht zu beantworten/meine Sicht darauf zu erklären.

Ein Ausflug nach Kampala und die ersten Konfrontationen mit der „Corona-Panik“, die wir bis dahin nur aus den deutschen Medien kannten

Am 07. März, ein Samstag, bekamen wir die Folgen des Corona Virus das erste Mal selbst zu spüren. Bis dahin war die Lage in Uganda sehr entspannt. Der Großteil der Bevölkerung wusste mit dem Begriff „Corona“ nichts anzufangen und jene, wie auch wir, die bereits vom Virus wussten, nahmen ihn nicht sonderlich ernst. Doch dieser 7. März änderte viel in dieser Hinsicht. „Aus dem Nichts“ beschloss die ugandische Regierung mit sofortiger Wirkung eine Art Einreiseverbot für alle Leute aus dem Ausland, die nach Uganda einreisen wollten. Dies schockte nicht nur mich, denn ich war nicht die Einzige, die im März Besuch erwartete. Meine Mitfreiwillige Martina erwartete Besuch aus Deutschland, eine neue Mitfreiwillige sollte eine Woche später ihren Freiwilligendienst in Uganda beginnen und über Ostern wurde eine deutsche Big Band erwartet, mit welcher ein großes Benefizkonzert geplant war. Von einem auf den anderen Tag zerplatzten all diese Pläne und wir dachten, es könnte nicht schlimmer kommen. Mit einer Ausreise aus Uganda rechneten wir zu diesem Zeitpunkt nicht mal ein bisschen, schließlich war die Lage ja sehr entspannt, kein Fall von Covid-19 in Uganda verzeichnet und auch sonst waren kaum Fälle auf dem gesamten afrikanischen Kontinent bekannt. Als ich den Schock und die Trauer, dass der Besuch meiner Familie gecancelt ist und ich ihnen mein neues Zuhause nicht zeigen könnte und all die geplanten Unternehmungen ausfallen würden, langsam überwunden hatte, kam gleich die nächste Frustration. Wie im letzten Bericht erwähnt, sollten meine Mitfreiwillige Amra und ich im März endlich unser Zwischenseminar haben. Das Zwischenseminar bietet die Möglichkeit, bekannte Freiwillige wiederzusehen und neue kennenzulernen und gemeinsam die bisherige Zeit als Freiwillige zu reflektieren. Auf das Seminar freute ich mich sehr, da mir bereits die Vorbereitungsseminare viel Spaß bereitet haben und ich auf die anderen Freiwilligen mit ihren Geschichten gespannt war. Nun bekamen wir aber die E-Mail, dass auch das Seminar ausfallen müsste, da die Seminarleiterin aus Deutschland nicht einreisen könne.

Als sei das nicht schon genug, unternahmen meine Mitfreiwilligen und ich einen Ausflug nach Kampala, die Hauptstadt Ugandas, in der die Leute uns statt mit „Muzungu“ (Weiße*r) plötzlich mit „Corona-Virus“ ansprachen. Egal wo wir waren spürte man eine unangenehme Stimmung und teilweise große Angst und Misstrauen der Einheimischen uns gegenüber, was uns traurig und zugleich wütend machte. Andererseits wussten wir natürlich auch, dass die „gefährliche Krankheit“ diesmal tatsächlich eine „Weißen-Krankheit“ ist und wenn sie jemand ins Land bringen sollte, würden es vermutlich Weiße sein. Daher verstanden wir natürlich auch die Maßnahmen der Regierung und den Einreisestopp für deutsche Staatsbürger*innen, dennoch platzen innerhalb weniger Tage geschmiedete Pläne und Vorfreude. Vor allem dadurch, dass Corona bis dato kein Thema in Uganda war und wir uns zuvor wenig damit beschäftigten, erschienen uns all die Maßnahmen vorerst überzogen und fielen völlig unvorbereitet auf uns ein. Zurück in Masaka beruhigte sich allerdings die Lage ein wenig, da uns kaum Leute mit „Corona“ ansprachen oder vor uns wegliefen. Wir fühlten, zu Hause zu sein und einmal mehr als sonst freuten wir uns, als wir am späten Abend von unserem Kampala Ausflug zurück in unsere vertraute Umgebung kamen.

Kampala von oben
Annika und ich
Der allgemeine Wahnsinn auf den überfüllten Straßen Kampalas

Die Lage verschärft sich, auch in Uganda, doch an eine Rückreise ist noch lange nicht zu denken…

Auch wenn wir immer noch über den Virus scherzten und auch die meisten unserer Freund*innen unsere Meinung teilten, verschärfte sich auch die Lage in Masaka langsam. Immer mehr Menschen erfuhren vom Virus und langsam machte sich auch in Masaka eine komische Stimmung breit (allerdings nicht mal im Ansatz damit zu vergleichen, was uns später in Amsterdam und schließlich in Deutschland erwartete!). An einer unserer Outreach Schulen mussten wir plötzlich unsere Hände waschen, bevor wir das Schulgebäude betreten durften und auch auf der Straße entwickelte sich Corona langsam zum Gesprächsthema Nummer eins.

Dennoch war es immer noch die deutsche Medienlandschaft, die uns über alle Coronaentwicklungen auf dem Laufenden hielt, denn in Uganda gab es immer noch keine offiziellen Fälle, somit wenig Neues zu berichten. Was mich erschreckte, waren die vermehrten Berichte über eine scheinbar zu erwartende Todeswelle in Afrika, wenn der Virus den Kontinent erreichen würde. Es war aber nicht das beschriebene Szenario, was mich erschütterte, sondern die Art der Berichterstattung. Durch die Bank weg, egal ob Zeitung, Fernsehen oder Instagram, egal ob rechts oder links, alle gingen von einem schrecklichen Ende in „Afrika“ aus, diesem armen, zu bemitleidendem Kontinent. Es fand in meinen Augen keine neutrale Erörterung der Dinge statt. Stattdessen wurde mal wieder nur die Armut, die Unterentwicklung und all das Sonstige, was unser Afrikabild prägt, genannt und damit unmissverständlich auf eine Krise gedeutet. Zudem wurde natürlich auch wieder von Afrika berichtet, als sei es ein einziges homogenes Land und nicht jener Kontinent mit den meisten Ländern. Was mich am meisten störte ist, dass die positiven Aspekte in den meisten Berichterstattungen nicht mal erwähnt wurden. Warum sagt niemand, dass es in Deutschland in jüngster Geschichte keine vergleichbaren Pandemien gab, in Uganda aber alle paar Jahre Ebola ausbricht und auch andere Epidemien, wie Cholera erfolgreich bekämpft wurden? Egal wie und wann man nach Uganda einreist, es wird immer prophylaktisch Fieber gemessen. An europäischen Flughäfen schafft man dies scheinbar nicht mal in Zeiten der Corona-Krise, zumindest wurde ich bei der Heimreise weder in Amsterdam noch in Stuttgart auf Fieber oder andere Symptome überprüft. Warum wird nicht mal der Fakt beleuchtet, dass knapp die Hälfte der ugandischen Bevölkerung unter 14 Jahren ist und die meisten von ihnen wohl nicht zur Risikogruppe gehören? Man könnte hier noch unzählige Fragen stellen, doch was ich sagen möchte ist, dass wir gerade in Krisen oft dazu neigen, zu entscheiden, was gut und schlecht ist und uns an alte Muster und Gegebenheiten klammern. Was ist aber, wenn es diesmal anders ist? Was ist, wenn es einmal nicht der hegemoniale globale Norden ist, sondern Entwicklungsländer wie Uganda, die Erfahrungen im Kampf gegen Epidemien haben? Sollten wir dann weiter auf das arme, hilflose Afrika schauen, statt uns im Kampf gegen das Virus zu verbünden? Denn es stimmt, dass es in „Afrika“ zu wenig Beatmungsgeräte gibt, zu wenig Schutzkleidung für medizinisches Personal und allgemein zu wenig Geld für die Behandlung vieler Menschen. Doch vielleicht kann uns „Afrika“ ja auch helfen (ich weiß, verkehrte Welt), vielleicht auch nicht, aber man sollte es m.E. nach nicht einfach ausschließen, nur weil das Bild des armen, hilflosen Afrikas und des entwickelten, teilweise augenscheinlich helfenden Europas scheinbar so feststeht. Falls Euch diese Sichtweise interessiert, kann ich diesen Artikel empfehlen: https://wirkommen.akweb.de/2020/03/ploetzlich-apokalypse/ (Abruf am 09.04.2020)

Ich will allerdings auch nochmal anmerken, dass es natürlich auch eine berechtigte „Sorge“ um den Kontinent Afrika gibt. In Uganda gibt es nur einen Bruchteil der Anzahl an Intensivbetten wie in Deutschland. Wie oben bereits aufgezeigt, ist das Gesundheitssystem in vielen Bereichen alles andere als sozial und es werden im Zweifel die mit dem meisten Geld sein, die ein Beatmungsgerät bekommen. Was ich hier ansprechen wollte, war also nicht unbedingt inhaltlicher Art, denn wie das Ganze in Uganda und anderen afrikanischen Kontinenten ausgeht, weiß ich nicht. Vielleicht stimmt es und es bahnt sich eine schreckliche Welle an Todesfällen an, vielleicht auch nicht. Was mich aber stört, ist der einseitige Umgang mit dem Thema. Die Berichterstattung sollte immer versuchen, ein möglichst ausgewogenes Bild zu vermitteln und alle Seiten zu beleuchten. Dies klappt meist nie so ganz, doch hier passiert wie ich finde eine erschreckende Konzentration auf eine Sichtweise, die die Existenz einer anderen fast unmöglich erscheinen lässt.

Mein Gastbruder Pissy

Ein Brief des BMZ, der alles verändert…

Am Montag, den 16. März veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein Schreiben, was über 3000 weltwärts Freiwillige überall auf der Welt verteilt schockte und so plötzlich und unerwartet auf uns alle einbrach. Erst wenige Tage zuvor bekam ich eine Nachricht meiner Entsendeorganisation, dass wir in unseren Gastländern bleiben dürften. Eine Rückreise konnte ich mir zum damaligen Zeitpunkt auch überhaupt nicht vorstellen. Warum sollte ich aus einem sicheren Land ohne bekannte Covid-19 Fälle, in dem ich meiner Arbeit nachgehen kann und das alltägliche Leben „normal“ stattfindet in ein Land zurückkehren, in dem der absolute Ausnahmezustand herrscht? So wie mir ging es den meisten Freiwilligen und auch den Mitarbeiter*innen unserer Entsendeorganisationen. Fast niemand der Freiwilligen wollte zu diesem Zeitpunkt das Einsatzland, die Freundinnen und Freunde oder die bereits vertraute Umgebung verlassen. So ging es auch mir. Ich war fassungslos über das Schreiben des BMZ und wollte einfach nicht glauben, dass meine Zeit in Uganda von einem auf den anderen Tag vorbei sein sollte. Die Nachricht, dass wir alle unsere Einsatzländer so schnell wie möglich verlassen sollten, erreichte mich Montagabend. Nach einer durchwachsenen Nacht und vielen Fragen im Kopf startete ich in den Dienstag, den 17.03.2020. Dieser Tag war jener, an dem ich das erste Mal wirklich realisierte, dass ich ausreisen müsste; dass ich nach gerade mal sechs Monaten und noch so vielen Plänen einfach aus meinem Leben herausgerissen werden würde. So schrecklich es sich auch anfühlte, mussten meine Mitfreiwilligen und ich uns wohl auf die Suche nach Flügen machen. Ich hörte von anderen weltwärts Freiwilligen, dass sie teilweise noch an diesem Dienstag ihre Einsatzländer verlassen müssten und war schließlich überglücklich, dass mein gebuchter Flug erst eine Woche später, am 23.03 kurz vor Mitternacht gehen sollte. Nachdem die Flüge gebucht waren, startete eine sehr intensive, schöne wie traurige letzte Woche in Uganda.

Es blieben uns nur noch wenige Tage in dieser wundervollen Einsatzstelle
Doch wir ließen uns den Spaß nicht nehmen 🙂
Hier ein Foto mit dem süßesten IMLS-Kind der Welt

Meine letzte Woche in Uganda

Meine letzte Woche in Uganda war definitiv eine der intensivsten überhaupt. Ich habe vermutlich in einer Woche nie so viel geweint, gelacht, gezweifelt und Spaß gehabt, wie in dieser letzten Woche. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meiner Mitfreiwilligen Annika, da sie denselben Flug wie ich gebucht hatte. Wir machten uns einen Plan und überlegten, wen wir noch sehen wollten, wohin wir noch gehen sollten und was wir vielleicht noch kaufen wollten. So waren unsere letzten Tage zwar von massivem Schlafmangel geplagt, doch wir konnten noch so viel erleben und vor allem so viele schöne Momente mit Menschen verbringen, die uns über die Zeit sehr ans Herz gewachsen sind.

Vor allem den 21. März 2020 habe ich in guter Erinnerung – meinen 19. Geburtstag. Wahrscheinlich wurden mir noch nie so viele Geburtstagskuchen gebacken und so viele Feiern organisiert und ich war auch noch nie so oft und so viel an einem einzigen Tag zu spät.

Geburtstagsfrühstück ❤

Es war aber nicht nur alles gut und der Abschied sollte nicht das einzige Thema sein, was mich in dieser Woche umtreibt, denn die offiziellen Reden des Präsidenten ließen uns fast jeden Tag neue Herausforderungen und Ängste erfahren. Nach den Quarantänebestimmungen, die Präsident Museveni Anfang des Monats verhängte, folgten nun drastische Maßnahmen, die nicht nur Touristen betreffen sollten. Zunächst verkündete Museveni am Mittwoch, den 18. März, dass ab Freitag um 12 Uhr alle Schulen, Universitäten und sonstige Bildungseinrichtungen geschlossen würden. Zudem wurden Nightclubs und Bars verboten und der ÖPNV sollte so gut wie möglich vermieden werden. Vor allem die Schulschließungen trafen uns alle sehr. Niemand ging von solch drastischen Maßnahmen aus, denn in Uganda sind fast alle Schulen Internate und damit betrifft eine Schulschließung die Schüler*innen weithin mehr, als es vielleicht in Deutschland der Fall war. Was die Schulschließungen genau für die Schüler*innen und ihre Familien in Uganda bedeuten, habe ich in unserem Emergency Fundraising Artikel bereits erläutert. Diesen findet Ihr hier: https://juliagoesweltwaerts.home.blog/2020/03/20/emergency-fundraising-fuer-uganda/ (Abruf am 09.04.2020).

Am Samstagabend kam dann eine Meldung, die vor allem Annika und mich betraf und zwar verkündete der Präsident, dass nur zwei Stunden später alle Grenzen geschlossen würden und auch der Flughafen komplett dicht gemacht würde. Kein Mensch (egal ob Ugander*in, der/die nach Hause will oder Ausländer mit gleichem Ziel) solle das Land mehr betreten oder verlassen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Denn einerseits wollte ich ja in Uganda bleiben, andererseits wusste ich, dass ich gehen müsste und wollte nicht noch mehr Stress rund um den Rückflug. Am nächsten Tag stand aber dank interner Infos der Fluggesellschaft fest, dass unser restlos ausgebuchter Rückflug als sogenannter „Emergency Flight“ leer den Flughafen Entebbe anfliegen dürfte und die Urlauber, Freiwilligen und ausländischen Arbeiter*innen nach Hause fliegen dürfte. Letztendlich waren wir froh über diese Nachricht, denn so hatten wir wenigstens die Gewissheit, dass wir wirklich fliegen und uns ernsthaft bei allen verabschieden können. Auch war ich froh, dass ich von kurzfristigen Stornierungen und Umbuchungen weitgehend verschont blieb. Wenn auch mein Anschlussflug von Amsterdam nach eigentlich Frankfurt, schlussendlich dann nach Stuttgart mehrfach storniert und umgebucht wurde, war der „große Flug“ nach Amsterdam konstant im Flugplan und alles funktionierte reibungslos. Wenn ich die Geschichten anderer Freiwilliger zu ihren Rückflügen höre, kann ich darüber wirklich froh sein.

Hier noch ein paar Fotos vom Abschied:

Madrine, John Mary, Annika und ich bei unserer Abschieds-/Geburtstagsparty

Die aktuelle Lage in Uganda

Da ich weiß, dass es Einige von Euch interessiert, ein paar Worte zur aktuellen Situation vor Ort. Mittlerweile hat sich die Lage in Uganda drastisch verschärft. Es wurde vor einigen Tagen ein kompletter Shutdown verhängt. Nichts geht mehr; außer Supermärkten, Apotheken und Krankenhäusern ist alles geschlossen. Die meisten Menschen sind arbeitslos und haben keinerlei Rücklagen. Zudem wurden alle Verkehrsmittel inklusive privater Autos gestoppt, womit viele Menschen gezwungen werden, zu Hause zu bleiben und sie nicht mal Lebensmittel im Supermarkt kaufen können, da sie diesen nicht zu Fuß erreichen können. Die Regierung hat versprochen, Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen. Dieses Programm ist bereits angelaufen, so wie ich das mitbekommen habe, hat sich die Hilfe bisher aber auf ausgewählte Viertel der Hauptstadt Kampala beschränkt und ist längst nicht bei allen angekommen. Zudem sind die Lebensmittelpreise extrem gestiegen und es kommt eine Art Panik in der Gesellschaft auf.

Für weitere Informationen kann ich folgenden Artikel sehr empfehlen: https://taz.de/Covid-19-in-Afrika/!5671067/ (Abruf am 09.04.2020). Der Bericht ist zwar schon ein paar Tage alt und die neusten Entwicklungen fehlen, ansonsten ist die Lage in Ruanda, Uganda und der DR Kongo aber sehr gut und ausführlich dargestellt.

Zurück in Deutschland…

Ich hätte nie gedacht, dass ich das im April 2020 einmal sagen würde, aber ich bin tatsächlich wieder zurück in Deutschland und versuche mich, so gut das in der jetzigen Situation geht, einzuleben. Schon die Ankunft in Amsterdam und dann die Weiterreise nach Stuttgart waren komisch. Wir haben nun mal die ganzen Entwicklungen rund um das Virus und dessen Verbreitung verpasst. In Uganda war Corona bis vor wenigen Wochen kein Thema, hingegen es in Deutschland schon seit Monaten in allen erdenklichen Medien kursiert. Und plötzlich stehen wir also da in Amsterdam am Flughafen und sehen Menschen, die fast vor einem wegrennen, Menschen, die einem nicht mehr „Guten Tag“ sagen, sondern viel mehr böse sind, dass man sie grüßt und wieder andere, denen einfach die blanke Angst ins Gesicht geschrieben steht. Mittendrin finde ich mich, wie ich gedanklich noch in Uganda bin und plötzlich von einer Kälte und Distanz umgeben bin, die ich so noch nie erlebt habe. Ich weiß nicht, ob das schon Teil des sogenannten „Rückwärts-Kulturschocks“ war und die europäische/deutsche Art, die ja von Ausländern oft als kühl bezeichnet wird, mir plötzlich selbst fremd und kalt vorkam oder ob es doch eher an der Corona Krise liegt und nicht nur ich so empfand.

Mittlerweile bin ich wieder gut zu Hause angekommen und die Dinge, die mir zu Beginn noch komisch vorkamen, gewinnen mittlerweile schon wieder an Normalität. So habe ich mich am Anfang immer wieder erschrocken, dass man sich mit warmem Wasser die Hände waschen kann und auch der Anblick des Kühlschranks samt Inhalts zog anfangs noch ein komisches Gefühl mit sich, doch man gewöhnt sich schnell wieder an den Luxus, zumindest ging es mir so.Was mich allerdings immer noch umtreibt, ist die moralische Ebene unserer Rückholung. Das ist ein Thema, was mich eigentlich ständig begleitet und wobei ich auch noch keinen richtigen Weg gefunden habe, damit umzugehen.

Ein bisschen Uganda darf aber auch in Deutschland nicht fehlen, hier: Rolex in Germany 🙂

Gedanken rund um die Rückholaktion

In den vergangenen sechs Monaten habe ich immer wieder versucht zu erklären, dass alle Menschen gleich sind und sich nicht an Hautfarben unterscheiden. Ich habe ein halbes Jahr versucht, den Kindern abzutrainieren, mich „Muzungu“ (Weiße) zu nennen. Immer wieder habe ich und auch die anderen Freiwilligen weltweit versucht, das Bild des reichen unbekannten globalen Nordens mit Geschichten und Gesichtern zu füllen. Natürlich war uns allen klar, dass wir nicht unendlich lange im Einsatzland sein werden und sicherlich hat sich jeder von uns schon Fragen bzgl. der eigenen Verantwortung und des eigenen Handelns gestellt. Am Ende sahen wir dann aber das eine Jahr, das wir im Ausland verbringen wollten, als eine Zeitspanne an, in der man sich kennenlernen kann und in der man zwar hauptsächlich etwas für sich tut und lernt, aber doch auch ein wenig am „Eineweltgedanken“ basteln kann.

Nun wurden wir aber plötzlich aus unseren Einsatzländern geholt und das betrifft nicht nur uns Freiwillige. Die meisten Weißen haben in den letzten 3 Wochen das Land verlassen und es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Immer wieder mussten die Menschen aus unseren Einsatzländern erleben, wie sie Freundschaften schlossen und Vertrauen aufbauten und dann plötzlich, wenn Gefahr bestand, alle Weißen in ihre sicheren, reichen Heimatländer zurückkehrten. Es ist mir unangenehm, dass ich eine dieser Personen bin. Natürlich weiß ich, dass es nicht meine Entscheidung war. Dennoch bin ich diejenige, die schließlich wegen eines Virus, der mir persönlich vermutlich nicht viel tun wird, von einem auf den anderen Tag ausgereist bin und meine ugandischen Freund*innen sich selbst überlassen habe. All das, was ich ein halbes Jahr gepredigt habe, gehört scheinbar mit einem Tag oder in dem Fall einem Schreiben des Ministeriums der Vergangenheit an. Denn am Ende sind wir eben doch nicht so gleich, am Ende ist es wieder das Geld, was entscheidet und ich bin nicht die, die dieses System versucht anzuhalten, sondern die, die mitspielt.

Wie geht es jetzt weiter?

Diese Frage stellt sich mir natürlich auch. Erstmal habe ich vor wenigen Tagen die Info bekommen, dass wir Freiwilligen auch noch bis zum Ende unserer Dienstzeit den Status als weltwärts Freiwillige behalten. Dies ist toller Erfolg der vielen Entsendeorganisationen, die sich in diesem Bezug beim BMZ für uns stark gemacht haben und schließlich diese Lösung für uns erzielen konnten. Gleichzeitig gibt es aber noch unzählige offene Fragen und es ist eine Situation, die für alle neu ist. Ich für meinen Teil versuche mich erstmal wieder einigermaßen hier einzuleben und bin vermutlich genauso unsicher wie Ihr, wie es mit der Corona Lage weitergeht, wann sich das Leben wieder normalisiert und wann welche Tätigkeiten denkbar sind. Was für mich feststeht ist, dass ich gern wieder zurück nach Uganda möchte. Wenn es die Lage vor Ort zulässt, dürfte ich in meiner Dienstzeit (sprich bis August) erneut nach Uganda, allerdings ist momentan sehr fraglich, ob sich die Lage bis August wieder soweit normalisiert hat. Was aber leider feststeht ist, dass dies wohl der vorerst letzte Monatsbericht über meinen Freiwilligendienst an der International School of Music, Languages and Studio Production sein wird. Da es aber noch ein paar Themen gibt, die ich gern ansprechen möchte, kommen in der Zukunft vermutlich noch ein paar Einträge. Also seid gespannt.

Noch ein Foto vom Flughafen in Uganda
Und auch das wenige Gepäck von Annika und mir wollte ich Euch nicht vorenthalten 🙂

Bis dahin wünsche ich Euch alles Gute und hoffe, Ihr seid gesund!

Eure Julia

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